Klara Meinhardt »Ritual«
22. April—27. Mai 2017

Klara Meinhardt. »Ritual«. Zeichnung Objekt.
Das Ritual ist Schöpfung. Einerseits eine Formalie, organisiert als feierlich erhabener Akt, konventionell, mit definiertem Zubehör, standardisierten Sprach- und Handlungsformeln und praktiziert als starres Repetieren – ist es das Gegenteil von Kunst, die ihre Wirkungsmacht viel mehr aus freier Inspiration und individuellem Gestaltungswillen schöpft. Andererseits basiert jeder Ritus auf symbolischen Handlungen, auf bedeutungsaufgeladenen Insignien und schafft eine kommunikative Interaktion, die ein- und ausgrenzt. Hier kommt das Ritual der Kunst sehr nah. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die Schau.

Klara Meinhardt arbeitet mit Beton, Stahl, Papier und Textil, die Rohmaterialien der zivilisierten Gegenwart. Sie schafft daraus einzigartige Objekte, befremdlich gesteigerte Kreationen, die sie zu Symbolen der Industriegesellschaft verdichtet, zu Formeln von kompromisslosem Zeitgeist. Die äußere Erscheinung provoziert den Blick. Da sind bunt schillernde, organisch anmutende Betonobjekte, dann technische Zeichnungen mit merkwürdig ungenauen Einträgen und schließlich Thyrsos-Nachbildungen mit Metallketten und Rohrschellen. Alle drei Werkzyklen beschreiben, auf verschiedene Weise, inhärent die Gebrauchsanweisung moderner Lebensqualität.

Die Inszenierung im Raum ermöglicht eine Lesbarkeit der Werke als Rituale, die sich entweder unreflektiert verselbständigt haben, oder als Revival archaischer Kult- und Standeszeichen zurückkommen oder als Sehnsucht nach Transzendenz innerhalb der Conditio Humana auftauchen. Und sie bergen zugleich die Inversion des Rituals; seine Umkehr und die latente kontraproduktive Sinnentleerung der zivilgesellschaftlichen Konventionen.

So in »Best of Breed« [2015]. Die drei Objekte verbinden Mensch und Natur im Bezug von Kunst und Wissenschaft exemplarisch in der kultischen Symbiose von Mensch und Hund. Die Optimierung der Dualität, Normierung der Tiere und zielgerichtete Zuchtmaßnahmen provozieren Deformierung. Ausdruck der krankhaft gesteuerten Metamorphose sind überdimensionale Geschwüre, gezeigt als Betonobjekte, bis zu 100 kg schwer, gegossen, verschnürt und mit anorganisch reflektierendem Interferenzlack besprüht. Ausdruck der Pervertierung eines Bedürfnisses, dass sich unreflektiert verselbständigt hat.

Die Zeichnungen der Serie »Kult« [2016/17] basieren auf Diapositiven von technischen Bauteilen. Als Konstruktionszeichnungen von Maschinen und Fahrzeugelementen bedienen sie sich geometrischer Grundformen, ein rohes, sachliches Zahlenwerk. Linien, Kreise, Symmetrie, kompakte Formen und aufgebrochene Flächen verführen die Vorstellungskraft zurück zu symbolischen Urformen und verwandeln sich im Anschauen, im Addieren und Übermalen mit Graphit, Kohle, Kreide und Tusche in Kult-Ornamente. Titel wie »Pandora«, »Orakel«, »Skarabäus« u.a. transformieren die Zeichnungen und ihre Objekte mit dieser Umformulierung zu Glücksversprechen, zur falschen Verheißung des schönen Anscheins und werden zum Ausdruck der Sehnsucht nach sinnlichem und übersinnlichem Bezug.

Am dichtesten am Ritual die Reihe »Thyrsos« [2017]. Ihre Thyrsoi, die zwei Meter langen, aufwändig gestalteten Stahlrohre haben erkennbare Ähnlichkeit mit dem Bacchantenstab, der Insignie vor allem des Dionysos, Gott des Weines, der Freude, der Fruchtbarkeit, aber auch des Ausschweifenden Genusses, des Wahnsinns und der Ekstase. In überlieferten Darstellungen bezeichnet der Thyrsos mit seinen kunstvollen Bekrönungen aus Efeu und Weinlaub die göttliche Sphäre und ausschweifende Genuss-Orgien. Und er verbindet das Zeichen göttlicher Macht mit rauschhafter Vitalität, Sorglosigkeit aber auch der Wehrhaftigkeit einer speerartigen Waffe. Als derart komplexes Attribut ist der Thyrsos im Idealzustand, Kultobjekt der gegenwärtigen Partygesellschaft zu sein. Der Feierstab, der sich heute als Zubehör auf ekstatischen Musikfestivals wiederfindet, hat bei Klara Meinhardt seine Ecken und Kanten. Schrauben, metallische Verbundstücke, Rohrelemente, Stahlketten und Fellteile machen das zeitlose Symbol zum ambivalenten Sinnbild des technischen Fortschrittsglaubens und der Sehnsucht nach einer höheren lebensweltlichen Ordnung.
—Von Tina Simon 
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Dr. phil. Tina Simon
Autorin und Publizistin, Leipzig
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