Ingar Krauss »Jena Paradies«
24. Juni—16. Juli 2016

Licht ist das Material des Fotografen. Er zeichnet – so die Bedeutung des Begriffs – mit Licht die Oberflächen seiner Modelle nach: Sanft fällt es auf den pelzigen Flaum der Quitte, verliert sich in der Brechung des Glases und zieht einzeln die Strähnen des Haars eines jungen Mädchens entlang.

Ingar Krauss’ Arbeitsweise ist geprägt vom Interesse an der Materialität und Haptik von Oberflächen. Um seine Stillleben zu arrangieren, baut er bühnenartige Kästen, in denen er natürliches Licht so einfängt, dass es zum subtilen Akteur des stillen Schauspiels wird. Seine analogen Schwarzweiß-Fotografien zieht er stets selbst ab, wählt für die seit 2010 entstandenen Aufnahmen mattes Silbergelatinepapier und bearbeitet die Abzüge von Hand mit einer Lasur aus Ölfarbe. Öl, das war auch das Bindemittel der niederländischen Renaissancemaler, denen es gelang, durch die neuerlangte, lange Trocknungszeit ihrer Gemälde zu Meistern der Stofflichkeit zu werden – nicht zuletzt, weil die Schichten der Ölfarbe das Umgebungslicht in der Oberfläche der Gemälde zu bündeln und somit den Glanz und die Tiefe der gemalten Objekte zu verstärken vermochten.

Die präzise Komposition einer Birne und einer Glasscheibe ist Teil der 2014 im Rahmen eines Stipendiums in Jena entstandenen Serie, die sich jener Einbeziehung von Licht und dessen Brechung durch Glas widmet. Die Herstellung von Glas hat in Jena eine lange Tradition, so wurde das 1887 entwickelte, sogenannte ›Jenaer Glas‹ in den 1920er und 1930er Jahren zum Gestaltungsmaterial von Künstlern wie Gerhard Marcks oder dem Bauhaus Designer Wilhelm Wagenfeld.

Betrachtet man die Birne im Verhältnis zum Glas, so muss man sich zunächst im Bild zurechtfinden und ausmachen, ob es sich bei der strengen Symmetrie um eine Spiegelung oder um eine Brechung handelt. Das Material Glas, in seiner Transparenz ebenso subtil wie das Licht selbst, schützt gemeinhin die Fotografie im Rahmen und schafft eine reflektierende Distanz zum Betrachter. Hier wird es mit seinen rohen Kanten in seiner ganzen Materialität in Szene gesetzt. Es bündelt das Licht im Zentrum des Bildes und steht auf diese Weise wie eine Metapher für die Fotografie selbst, ist doch die Linse des Fotoapparats ebenfalls ein optisches Hilfsmittel zur Bündelung von Licht.

Öl, Glas, Rahmen. Sie konservieren und schützen vor den Einwirkungen der Zeit. Was Ingar Krauss’ Fotografien so beeindruckend macht, ist die Unmittelbarkeit und Eindringlichkeit von Zeit. Die Modelle seiner Kinder- und Jugendporträts stehen wie Stillleben unbewegt und ruhig in ihrer Umgebung. Die Konzentration steht so ganz auf ihren im Wachstum befindlichen Körpern und ihren Blicken, die dieser ruhenden Pose so häufig widersprechen. Das Porträt des Mädchens Hannah mit einer Roten Beete in den Händen vereint die beiden Sujets der Pflanzenstillleben und der Kinder-und Jugendporträts. Durch die der Wurzel genuin inne wohnende Symbolik des Wachstums erscheint das Bild des Mädchens weniger als Porträt denn als eine Allegorie der Jugend.
—Von Isabelle Busch, Berlin

Ingar Krauss [* 1965 in Berlin, DDR] lebt in Berlin und Zechin [Brandenburg, DE]. Seine Fotoarbeiten waren in zahlreichen Ausstellungen zu sehen, u. a. in der Hayward Gallery London, dem Musée de l’Elysée Lausanne, im Palazzo Vecchio in Florenz und im ICP [International Center of Photography] New York.

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